ABP, TSW und Envio benutzen gemeinsam Gelände und Produktionshallen der
Dortmunder Kanalstraße. Die drei sind ABB-Ausgründungen, arglos und
nichtsahnend.
In der Kanalstraße 25 am Dortmunder Hafen werden PCB-haltige
Trafos so recycelt, dass Mitarbeiter und ihre Familien teils stark
verseucht werden, dass in der Umgebung der Verzehr von Freilandgrünkohl
nicht unbedenklich ist und dass große Teile von Betriebsgelände und
Hallen mit PCB kontaminiert sind. Bis 2007 hat an der Kanalstraße die
ABB das Sagen. ABB schweigt derzeit still. Die drei Nachfolgefirmen
wollen von nichts gewusst haben und fühlen sich hintergangen.
ABB am Dortmunder Hafen
ABB war bis 2007 Pächter des Betriebsgeländes ind er Kanalstraße, das
Eigentum der Stadt Dortmund ist, und unterließ damals eine Meldung an
die Behörden wegen erhöhter PCB-Werte, obwohl sie dazu verpflichtet gewesen wäre.
Im Rahmen von Management-Buy-Outs, also des Verkaufs von Firmenteilen
an die eigene Führungsetage, gingen das PCB-Recycling als Envio
Recycling GmbH an die Manager Dirk Neupert und Christoph Harks, die
ABB-Abteilung Induktionsöfen an die ABP Induction Systems GmbH und die
Instandsetzung von Trafos an die Transformatoren West GmbH (TSW), die
nach eigenen Angaben sowohl Mitarbeiter wie technische Ausrüstung von
ABB übernahm.
ABB als PCB-Entsorger
Noch unter ABB war der PCB-Recyclingbetrieb 1993 aufgenommen, 1994
die Trafo-Dekontaminationsanlage genehmigt worden. 2004 erfolgte die
Ausgründung des lukrativen Trafo-Geschäfts in die Envio Recycling GmbH
unter Führung des ABB-Managers Dirk Neupert, der Technologie und Geschäft der ABB nahtlos
fortführte. Neupert gründete zusammen mit CFO (Chief Financial Officer)
Christoph Harks die Holding Envio AG, die 2007 an die Börse gebracht
wurde. 2007 übernahm Envio den Pachtvertrag des ABB-Betriebsgeländes;
vor der Übergabe sanierte ABB ohne größeres Aufsehen das Gelände von
PCB.
ABB und ABP
ABB ist auch Mutter von TSW und ABP, zwei Firmen, die ebenfalls an
der Kanalstraße 25 in Dortmund beheimatet sind und die ebenfalls nahtlos
die ehemaligen ABB-Geschäftsbereiche fortführen.
Die 2005 ausgegründete ABP führt den ABB-Bereich Induktionsöfen
fort. Induktionsöfen sind Industrie-Schmelzöfen, die zum Beispiel für
die Stahlerzeugung eingesetzt werden. Der heutige ABP-GF Dr. Wolfgang
Andree wird in einer PR-Broschüre von 2007,
in der ABB noch als "Mutter" bezeichnet wird, als "ABP-Präsident"
tituliert. Dies lässt darauf schließen, dass Andree bei der
ABP-Ausgründung mitgewirkt hat.
ABP ist Mieter von Envio, seitdem Envio das Gelände von der ABB
übernommen hat. Zusammen mit Envio nutzte ABP die große Halle 1, die
wegen PCB-Kontamination wahrscheinlich abgerissen werden muss. 50
ABP-Mitarbeiter weisen erhöhte PCB-Blutwerte auf.
TSW: Aufbereitung von Transformatoren
Die dritte ABB-Ausgründung ist die TSW (Transformatoren Service West),
die jetzt Teil der Vogelsang Service Group ist. Im Unterschied zu Envio
werden bei TSW Altöltrafos aufbereitet, nicht verschrottet. Wie ABP ist
TSW Mieter von Envio. Bei TSW - jetzt in Bochum beheimatet - starb
Anfang 2011 ein Mitarbeiter unvermittelt am Arbeitsplatz - unter
PCB-Verdacht (WR, 28.1.2011).
Die drei von der Unschuld
Alle drei ABB-Ausgründungen führen also die Geschäftsfelder der
Konzern-Mutter fort, arbeiten zum größten Teil mit dem gleichen Personal
am gleichen Standort. Da wundert es schon, dass sie nach eigenen
Angaben nicht bemerken, wenn 2007 unter ihrer Nase eine PCB-Sanierung
des Geländes stattfindet.
Die Geschäftsfelder von ABP und TSW sind inhaltlich nicht so weit vom
Thema Transformatoren entfernt, dass man annehmen könnte, die
Geschäftsführungen könnten den Betrieb von Envio nicht beurteilen:
Müsste man als ABB-Manager und Ingenieur nicht wissen, dass eine
PCB-Dekontamination von Trafos ohne besondere Schutzvorkehrungen
Gefahren birgt? Dem Management ist aber nach eigenen Abgaben über Jahre
und Jahrzehnte die PCB-Problematik nicht aufgefallen. ABP oder TSW tun
jetzt so, als wäre das "PCB-Schwert" völlig unvermittelt auf sie
herabgestürzt.
Neupert selbst - immerhin Geschäftsführer von Envio - fühlt sich von
der ABB hintergangen und hat über all die Jahre nicht bemerkt, dass
seine Mitarbeiter ohne Schutzkleidung mit den Trafos hantierten und so
mit PCB verseucht wurden, dass sie ihre Arbeitskleidung mit nach Hause
nahmen und über den Kontakt in der Waschmaschine die Familien mit PCB
belasteten, dass Trafos im Freien zerlegt wurden und dadurch PCB in die
Umgebung geriet.
Neupert verteidigt sich im August 2010
damit, "dass Envio lediglich das von ABB bereits praktizierte Verfahren
fortgeführt" und dass ABB nur eine "sehr unvollständige Sanierung"
durchgeführt habe. Wer anders als der Chef des PCB-Trafo-Recycling von
ABB, nämlich Neupert selbst, hätte verantwortlich sein können? Warum hat
er damals nicht Alarm geschlagen? Als Experte soll er die
Unzulänglichkeit der Sanierung nicht bemerkt haben?
Update 30.07.2015:
Die Bezirksregierung Arnsberg hat Ende 2014 sowohl ABB als Vorpächterin als auch die Stadt Dortmund als Eignerin des Envio-Geländes zur Sanierungsbeteiligung aufgefordert, Anfang 2015 legten beide Parteien Beschwerde gegen diese Verfügung ein. Das OVG Hamm wird nun Ende August 2015 über die Beschwerde bzw. die Gegenbeschwerde der BezReg entscheiden, solange können keine Sanierungsarbeiten begonnen werden.